Daß man jetzt mit Fug und Recht und ohne jegliche Überhebung von einer „Görlitzer Gemälde-Galerie“ sprechen kann, und nicht nur wie bisher, von einigen Bildersälen im Museum der Gedenkhalle, – daß jetzt die Gemäldesammlung dieses Museums einen Rang und eine Bedeutung erhielt, die ihren Ruf auch bald nach auswärts tragen werden, das wird die Stadt Görlitz für alle Zeiten ihrem begeistert arbeitsfreudigen und von hohem Idealismus erfüllten Museumsdirektor Prof. Ludwig Feyerabend zu danken haben.
Man sollte diesen Satz dreimal wiederholen, um es dem Gedächtnis unvertilgbar einzuprägen, denn Prof. Feyerabend ist in einer heute schon beinahe „altmodisch” wirkenden Bescheidenheit stets bestrebt, allen Verdienst von seiner Person abzuschieben und nur die hochherzigen Gönner des Museums in den Vordergrund zu stellen. –
Gewiß, ohne diese Gönner, denen Görlitz gleichzeitig ewigen Dank schuldet, wäre es selbst diesem durch nichts zu entmutigenden und von früh bis spät rührig in seiner Art unübertroffen wirkenden Manne nicht möglich gewesen, sein schönes und bedeutendes Lebenswerk in den Räumen der Gedenkhalle erstehen zu lassen. Die Namen Ephraim, Henneberg und Wasserschleben werden für alle Zeiten mit dem Museum verbunden bleiben. Aber man stelle sich nur einen Augenblick vor, an der Stelle Feyerabends wäre seinerzeit ein Museumsdirektor in die leeren Räume der Gedenkhalle eingezogen, der nur getan hätte, was seines Amtes ist, ohne von solcher Begeisterung für seine Aufgabe erfüllt zu sein, ohne die mannigfaltigen Beziehungen persönlicher Art zu pflegen, durch die es erst Herrn Professor Feyerabend gelang, das Interesse der Gönner an seinem Museum wachzurufen und lebendig zu erhalten! –
Er verstand es eben, wie kein Zweiter, dem Museum Herzen zu gewinnen, und nur sehr weniges ist heute in diesem nun mustergültigen Museum zu finden, das nicht durch seine persönliche, hingebende Umwerbung hineingekommen wäre. Man begreift, wenn man ihn kennt, daß diesem, mit zäher Ausdauer ohnegleichen auf sein Ziel steuernden Manne Gönner erstehen mußten, man begreift, daß diese kluge Umsicht Vertrauen erwarb, und wenn auch sein wie immer geartetes menschliches Wirken vor Tadlern sicher ist, so wird hier doch jeder Versuch einer Bemängelung in sich selbst zusammenfallen müssen vor dem Beweis, den die Tatsachen liefern. Entschuldbar ist solches Bemängeln auch nur lediglich durch völlige Unkenntnis der Verhältnisse, unter deren Einwirkung das Museum entstand, durch völlige Unkenntnis der Schwierigkeiten, die ständig zu überwinden waren.
Bevor man hier nörgelt, möge man den Beweis erbringen, daß man unter ähnlichen Umständen auch nur halbwegs Gleichwertiges aus dem Nichts zutage treten lassen kann . . .
Ich glaube dagegen, daß alle kunstinteressierten Kreise, einerlei, welcher Geschmacksrichtung sie huldigen mögen, hier allen Grund haben, mit mir dem Schöpfer dieses Museums den aufrichtigsten Dank zu sagen, selbst wenn sie noch unerfüllte Wünsche vorzubringen hätten, deren Erfüllung bisher weder die verfügbaren Mittel, noch die vorhandenen Räume erlaubten. Prof. Feyerabend hat nun wirklich mit der Neuordnung der Gemäldesammlung, mit der Schaffung der nun vorhandenen Galerie, in allen Punkten gezeigt, daß er seine Sammlungen nach den besten Grundsätzen moderner Museumstechnik auszugestalten gewillt ist, und wenn es ihm noch vergönnt sein wird, einst über weniger unzulängliche Räume, über noch weitere Schätze moderner Kunst zu verfügen, dann wird dieses Bestreben auch noch immer klarer hervortreten können.
Es mag andernorts jüngere Kräfte geben, die sich selbst und ihr Werk besser in Szene zu setzen, besser ins Licht zu rücken wissen, aber auch heute noch sind schließlich die Leistungen allein ausschlaggebend. Was in dieser Beziehung allein schon die Neuordnung der Gemäldegalerie des Museums bedeutet, das weiß nur der zu würdigen, der den vorherigen Zustand kannte, und der aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten kennt, die jede einigermaßen erfreuliche Anordnung so verschiedenartiger Kunstwerke bereitet.
Wie sich jetzt zeigt, war es keineswegs etwa „Gleichgültigkeit” der Museumsleitung, wenn die Wände der Gemäldesammlung bisher mehr Stapelplätze für das vorhandene Material abgaben, wenn so manches Bild das andere „totschlug“, weil alles allzudicht aneinanderhing. Zu planmäßigen, jährlichen Ankäufen reichten bei weitem die Mittel nicht aus, und was gelegentlich erworben werden konnte, stets mit sicherem Blick für die oft nie wiederkehrende Möglichkeit, mußte eben genommen werden, wie es kam. Noch weniger bestimmender Einfluß stand der Leitung zu, in Bezug auf die dem Museum geschenkten Bilder. Es handelte sich also in allererster Linie darum, den Besitz einstweilen aufzuhängen und zu konservieren, bis einmal ein Grundstock vorhanden sein würde, der ein gutes, systematisches Hängen ermöglichen könnte.
Dieser Grundstock ist nun nach und nach entstanden, aber es fehlte immer noch ein eigentlicher Abschluß, es fehlten noch einige hervorragende, starke Werke der Vertreter des nun schon klassisch gewordenen Impressionismus. Da kam nun das so begrüßenswerte Vermächtnis Hennebergs, aber immer noch hing es an einem Faden, ob die für den Ankauf der weltberühmten Galerie Henneberg in Zürich bereitgestellten Mittel es auch erlauben würden, gerade die Werke zu erlangen, die das Museum am nötigsten brauchte. Daß es Prof. Feyerabend gelang, gerade diese hervorragenden Schätze der Henneberg-Galerie mit dem in Anbetracht ihrer Werte immer noch äußerst minimalen Betrag, der laut Testament ausgegeben werden durfte, zu erwerben, und daß er gerade die von ihm gewählten Stücke mit sicherem Blick aus der Menge des Vorhandenen zu fassen wußte, muß ihm wieder durchaus als sein persönliches Verdienst angerechnet werden, denn um die Sammlung Henneberg bewarben sich die kundigsten Käufer aller Länder. – Mancher mag sehr wenig davon erbaut gewesen sein, daß ihm gerade diese Glanzstücke entgingen. – –
Für das Museum in der Gedenkhalle aber war jetzt der Augenblick gekommen, die nun vorhandenen Gemälde
zu einer kleinen, aber mustergültigen Galerie zusammenzuordnen.
Wie dieser Aufgabe entsprochen wurde, davon überzeuge sich jeder Besucher des Museums selbst! Hier muß jeder Einwand verstummen – Jetzt erst aber kann man auch sehen, welche Werke von hoher Bedeutung schon in dieser – ich möchte sagen, neuentstandenen – Galerie hier vereinigt sind.
Von den Handzeichnungen der alten Klassizisten und Nazarener angefangen, bis zu den aus dem Hennebergschen Nachlaß erworbenen Bildern von Max Liebermann, Uhde, Karl Schuch und Trübner, könnte man eine lange Aufzählung von Namen bringen, die in der Kunstgeschichte den besten und allerbesten Klang haben. Eine Fülle von Werken ist da zu entdecken, wie man sie sonst nur in ganz großen Sammlungen finden kann, und so manches Stück ist darunter, das als einzigartig zu gelten hat, und um das sich auch die bedeutendsten Museen hartnäckig bewerben würden, wenn es noch verkäuflich wäre.
Es geht über den Rahmen dieser Würdigung weit hinaus, jedes einzelne dieser Werke gebührend hervorzuheben nach seinem Werte. Allmählig mag nun diese schon so ansehnliche kleine Galerie weiter ausgebaut werden, noch vorhandene Lücken mögen nach den Vorschlägen ihres Direktors durch edle Spenden geschlossen, und manches vielleicht entbehrliche Werk mag durch ein wichtigeres verdrängt werden, – was aber heute uns vor Augen tritt, kann bereits höchsten Anspruch auf allseitige Beachtung erheben und je gründlicher es um das Kennertum eines Besuchers bestellt ist, desto mehr Bedeutendes und Wertvolles wird er zu entdecken vermögen, desto mehr wird er dem Manne Dank wissen, dessen Initiative letzten Endes diese, wenn auch noch kleine, so doch in ihrer Art bedeutende Gemäldegalerie ihr Dasein dankt.
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Neue Görlitzer Nachrichten, Görlitz, 1920