Zum Heimgang des Malers Fritz Neumann-Hegenberg
Es sind wenige Wochen nur her, seit ich ihn zum letzten Male in diesem Erdenleben sah. Auf der Reise nach dem Süden, die ihm die Ärzte angeraten hatten, machte er kurzen Halt bei mir.
Die freudige Erregung des Vorgefühls, seine geliebte italienische Landschaft und die Zeugnisse großer Kunst der Vergangenheit dort wiedersehen zu dürfen, hatte ihn so verklärt, daß man fast verführt sein konnte, die Spuren der nagenden Krankheit auf seinem feinen, durchgeistigten Antlitz zu übersehen.
In frühen Werdejahren hatte er einst ganz Italien durchwandert, bis ihn der Tod des Vaters unvermutet zurück nach der schlesischen Heimat rief. Wie oft erzählte er mir in Görlitz von den sonnigen Tagen dieser Künstlerwanderschaft! Wie konnte sein Auge leuchten, wenn er, in seiner plastischen Art zu reden, von all dem Schönen sprach, das er dazumal sehen durfte! –
Nun sollte es wieder nach Italien gehen, – aber diesmal, um die Gesundheit wieder zu erlangen. Wie war er hoffnungsfroh und wer hätte dieser Freudigkeit gegenüber den Mut gefunden, ihm zu sagen, daß auch des Südens Sonne nicht alle Krankheit heilen könne! – So kam es ganz selbstverständlich dazu, daß man von seinen Reiseplänen sprach, als gelte es lediglich, eine möglichst arbeitsreiche Studienreise zu unternehmen. Aber schwer wurde dennoch der Abschied, und kaum ließen raunende Stimmen sich zum Schweigen bringen, die dem Herzen nur zu deutlich sagten, daß man sich wohl schwerlich in irdischen Gefilden jemals wiedersehen würde.
Ich segnete alle, die ihm zu dieser letzten Reise geraten hatten; ja, wenn es schon sein mußte, konnte ich mir für ihn nichts Erwünschteres denken, als daß er dort unten im Süden den Tod als Erlöser begrüßen, daß er dort, inmitten der Schönheit und Kunst, sein leuchtendes Künstlerauge schließen dürfe.
Die Berichte der treubesorgten Gattin, die ihn auf dieser Reise in wahrhaftem, weiblichem Heldentum dem nahenden Arm des Todes zu entreißen suchte, ließen alsbald nichts Gutes ahnen. – Dann aber schrieb er wieder selbst, als er von der Pfingstmesse kam aus dem Petersdom in Rom: „Veni creator spiritus. – Komm, Schöpfer Geist!“ – – Das waren die letzten geschriebenen Worte, die ich von ihm erhielt…
Und dann ging es mehr und mehr der Auflösung zu.
Kaum hatten wir Nachricht erhalten, daß er, trotz allem, noch sein Görlitzer Heim, die hier lebende hochbetagte Mutter und seine Geschwister erreichen konnte, da trifft uns auch schon die Todesbotschaft. –
Und sie besagt, daß er sanft hinüberschlief: – daß er kein Sträuben mehr kannte, als er endlich von seinen Leiden erlöst werden sollte. Vieles ließ er zurück, was er gewiss nicht gerne zurücklassen wollte, aber nur die Lösung von des Körpers Banden – konnte seiner Seele die Befreiung bringen…
Es waren nur die letzten Görlitzer Jahre seines Lebens, die ich aus der Nähe kannte. Zum ersten Mal sprach ich ihn, als er dabei war, eine Ausstellung seiner Lebensarbeit auszurichten. Seit diesem Tage wurde er mir mehr und mehr ein lieber Freund. Hier aber will ich nur von dem Künstler reden, den wir verloren haben.
Er hatte sein letztes Wort als Maler noch lange nicht gesprochen, auch wenn es unter seinen Werken nicht an solchen fehlt, die schon ihre erste Vollendung zeigen und auch in ferner Zukunft ihren Wert behaupten werden. Ich brauche hier nur an die „Jahrhundertausstellung“ der Nationalgalerie in Berlin zu erinnern, die das Werk so vieler zu früh Verstorbener ans Licht gezogen hat, um mich verständlich zu machen, wenn ich sage, daß auch dem Werke Neumann-Hegenbergs in seiner Art Unvergänglichkeit beschieden sein wird.
Er selbst war ja am allerwenigsten mit seinem Schaffen zufrieden, denn in ihm lebte das Ideal dessen, was er aus guten Gründen noch zu schaffen sich berufen fühlte. Aber in allen seinen Werken der letzten Jahre ist bereits etwas von diesem Ideal verwirklicht. –
Er hatte dem „Expressionismus“ sich nur verschrieben, um auch über diese Kunstrichtung hinauszukommen zu seiner, durch keine zeitliche Bestrebung mehr bedingten persönlichen Kunst.
Im Inneren war es ihm zu Zeiten längst völlig klar geworden, was er von sich verlangen durfte, und festumrissen sah er dann vor dem geistigen Auge stehen, was seiner Hand dereinst die äußere Gestaltung danken sollte. Unermüdlich war er an der Arbeit, solcher Gestaltungsweise näher zu kommen, und ein roter Faden geht durch alles, was er in den letzten Jahren schuf, die Spur des Kommenden.
Sein allzufrühes Scheiden läßt wahrlich Großes, das in seinem Geiste schon vollendet war, nun niemals mehr Gestalt gewinnen, denn seine Begabung war zu persönlich, als daß hier jemals Wesentliches durch Schüler oder Schaffende des gleichen Strebens hätte übernommen werden können. Seine Freundschaft mit Poelzig mag vielleicht am deutlichsten zeigen, wo sein persönliches, eigenes Ziel zu suchen war. –
Alles in ihm, und so auch seine Kunst, war feurigstes Leben und nur die Qual der Krankheit konnte dieses Feuer dämpfen. Daß es, solange er noch atmen konnte, nicht zum Erlöschen zu bringen war, das bezeugte mir in erschüttender Weise unser letztes Zusammensein. So wie ihn alle kennen, die seine Vorträge über Kunst in Görlitz hörten, – so wie er dort plötzlich in Ekstase kommen konnte, wenn er von Grünewald oder einem der von ihm verehrten neueren Künstler sprach, so suchte er noch in diesem, ihn so peinigenden Zustand der Erkrankung mir seine Ziele zu zeigen, suchte mir eine Vorstellung von dem zu vermitteln, was er nach seiner Gesundung schaffen wollte…
Hier hat ein Lebendiger sein kurzes Leben mit allen Fasern gelebt, und denen, die ihn liebten, ist kein schönerer Trost zu sagen, als daß ein solches glühendes Leben wahrlich in seiner Auswirkung schon sein Ziel erreichte, auch wenn ihm versagt blieb, das Letzte zu geben, das erst der Zeit bedurft hätte, um zu voller Reife zu gelangen.
Wer aus tiefster Inbrunst alles Große und Erhabene, wie er, zu lieben wußte, der ist nicht „tot“, auch wenn der Erdenkörper wie ein Toter auf der Bahre liegt.
Möge alsbald sich in Görlitz die Initiative finden, das geformte Lebenswerk des Heimgegangenen in würdiger Weise allen zu zeigen, die in seinen Erdentagen an ihm nicht achtlos vorübergingen!
Ich bin keinen Augenblick darüber im Zweifel, daß man es erkennen wird, wie nie zuvor, als eines Lebendigen geistig durchglühtes Werk! –
Joseph Schneiderfranken, Horgen, 2. August 1924