Der Jakob-Böhme-Bund

von JoseF SchneiderFranken, Neuer Görlitzer Anzeiger vom 5. Juni 1921

Die gegenwärtige erste Ausstellung des Jakob-Böhme-Bundes, für die man sich übrigens auch in anderen Deutschen Städten bereits lebhaft interessiert, darf sich hier in Görlitz, der Heimatstadt des Bundes, gewiß nicht über mangelnde Beachtung beklagen. Daß diese Beachtung verschiedene Färbung trägt, entspricht ganz den Erwartungen der beteiligten Künstler. Man hat nun bereits mancherlei über den Wert oder Unwert der gezeigten Schaffensresultate hören und lesen können, um im Verlauf der Erörterungen wurde ich immer wieder gefragt, warum ich mich nicht auch meinerseits äußere, oder wenigstens meine eigenen Bilder „erkläre“, da ich doch zu dieser Gruppe gehöre und Mitaussteller sei.

 

Man wird begreifen, daß aber gerade dieser Umstand mir einige Reserve auferlegte. –

 

Nunmehr, nachdem so ziemlich alle Stimmen zu Wort gelangt sind, glaube ich aber doch der Aufforderung nachkommen zu sollen, und will nun hier, bei möglichster Objektivität, auch meinen persönlichen Standpunkt darlegen.

 

Der Jakob-Böhme-Bund wurde im Juni vorigen Jahres, von einigen hier wirkenden Künstlern, denen es eine würdige Aufgabe zu sein schien, aus den oft fragwürdigen Versuchen modernster Kunstübung herauszugelangen, die sich alle gemeinsam vor die Erkenntnis gestellt sahen, daß das Gute der neueren Kunstbestrebungen nur dann zur allmählichen Auswirkung gelangen könne, wenn sich die derart strebenden Künstler bewußt in den Dienst der Seele stellen würden, wenn sie bewußt einer Art Sakralkunst zustreben wollten.

 

Man war sich von vornherein darüber klar, daß man ein solch hohes Ziel brauche, daß es aber der hingebendsten Arbeit mancher Jahre erst vorbehalten sein könne, dieses Ziel auch zu erreichen! –

 

Da die Arbeit dieser kommenden Jahre aber fruchtlos werden würde, geschähe sie sozusagen „hinter dem Rücken des Publikums“, so ergab es sich von selbst, daß jährliche Ausstellungen in Görlitz und in den wichtigeren Kunstzentren beschlossen wurden, auch um zu zeigen, daß Görlitz in der Reihe der deutschen Städte, in denen neuere künstlerische Bestrebungen am Werke sind, durchaus nicht die letzte Stelle einzunehmen gesonnen sei. –

 

Da jegliche Kunstübung ihren tiefsten, tragenden Grund in einer Lebensauffassung, einer Weltanschauung findet, und da die hier vereinigten Künstler ihrer Mehrzahl nach einer Naturmystik nahestanden, die in Jakob Böhme ihren hohen klassischen Vertreter hat, da überdies Görlitz die Stätte des Lebens und Wirkens dieses erst neuerdings wieder in seiner tiefen Bedeutung erkannten Seelenkünders war, so wählte man den Namen dieses großen Görlitzers als Symbol für das hier vorliegende künstlerische Streben.

 

Kein Geringerer als Hans Thoma bezeugte diesem Streben regste Sympathie. – Er schreibt: „Wenn ich in Görlitz wohnte, so würde ich gewiß dem Bunde als Mitglied beitreten.“ und zeigt tiefstes Verstehen für seine Ziele. –

 

Würde Max Klinger heute noch leben, so wäre er der erste, der sich für das hohe Ziel des Görlitzer Jakob- Böhme-Bundes eingesetzt hätte, denn er sah eine neue Sakralkunst herauskommen aus allem Chaos moderner Bestrebungen und wußte auch gar wohl, daß die Wegstationen zu solcher Kunst noch nicht gleich auf der Höhe des Zieles angelangt sein können. –

 

Es fehlt überdies dem Bunde nicht an Sympathiebezeugungen aus anderen künstlerischen Kreisen der bildenden Kunst, ja es hat den Anschein, als wolle der Jakob- Böhme-Bund in Görlitz mit der Zeit zu einer Sammelstätte werden für künstlerisch produktive Menschen aus allen Teilen Deutschlands, soweit die Ziele des Bundes auch die ihren sind, in der von ihnen gepflegten Art anderweitiger künstlerischer Betätigung. –

 

Um nun von den hier ausgestellten Bildern der Mitglieder und Gäste des Jakob-Böhme-Bundes zu reden, so findet sich darunter gewiß auch noch manches, daß allmählich ganz von selbst zurückgelassen werden wird, aber wer Augen hat, zu sehen, der wird auch die Werke leicht herausfinden können, die schon als „Wegstationen“ zu dem Ziele des Bundes ausgesprochen werden dürfen, und die teilweise dem Ziele schon recht nahe kommen, wenn auch eine Art des Sehens vom Beschauer erwartet wird, eine Art des Sehens, die nicht enträtseln, sondern mitfühlen, sich einfühlen muß, um sich Rechenschaft geben zu können, was hier überhaupt vorliegt. –

 

Es bedeutetet bei aller wohlmeinenden Gesinnung doch ein bedenkliches Verkennen der vorliegenden Werte, wenn man deren „dekorative Werte“ auch nur besonders zu betonen zu müssen glaubt... Von Böcklin stammt das Wort, daß jedes gute Kunstwerk „im besten Sinne dekorativ“ sein müsse, in dieser Hinsicht sind auch die hier ausgestellten Bilder gewiß „dekorativ“, aber das ist eine selbstverständliche Nebenwirkung der Bilder und berührt nur vom rein handwerksmäßigen Standpunkt her ihren Wert.

 

Ich bin sicher, daß die innerlich lebendiger Entwicklung Fähigen unter den heute kopfschüttelnd die Ausstellung durchwandernden Beschauern schon in recht wenigen Jahren, wenn sie einmal den gleichen Bildern begegnen sollten, ebenso kopfschüttelnd, nicht mehr verstehen werden, was ihnen beim allerersten Anblick der Bilder so fremd und unverständig erschien. –

 

Zum Schluß ein paar Worte über das, was ich selbst zur Ausstellung gegeben habe, da ich doch durchaus „erklären“ soll...

 

Die große Mehrzahl der Bilder datiert in eine Zeit zurück, die noch nichts von den heutigen Bestrebungen in der heutigen Malerei wußte. Ich malte diese Sachen lediglich mir selbst zur Freude und während meine Landschaften in Zyklen durch ganz Deutschland reisten, zeigte ich diese Bilder nur hin und wieder vertrauten Freunden, an deren Stellungnahme mir sehr gelegen war. Ich machte niemals Hehl daraus, daß all das hier Dargestellte nur innerem mystischen Schauen sein Dasein dankte, für mich selbst eindeutig wie eine Landschaft, aber keineswegs einer „Erklärung“ zugänglich.

 

Gelegentlich suchte ich „Namen“ für diese Bilder, um durch ein Wort gleichsam dem Betrachter doch einen Anstoß zu geben, nach welcher Empfindungsrichtung hin er vielleicht suchen müsse, um seinerseits Zugang zu finden. Es lag nahe, da auch Bezeichnungen zu wählen, die der Terminologie der Tonkunst entstammten.

 

Ich verwarf aber alle diese Namen wieder, weil sie doch im Grunde irreführen mußten, und ich bin froh, darauf verzichtet zu haben. Mystisches Schauen und nur dies liegt den Bildern zugrunde, läßt sich nicht leicht in ein einzelnes Wort zusammenfassen. Ich beabsichtigte auch die längste Zeit hindurch keineswegs, die Bilder in einer Kunstausstellung zu zeigen, obwohl sie von Künstlern, auch von solchen, denen der rein mystische Inhalt von Natur aus fremd war, sehr hoch gewertet wurden.

 

Schließlich aber ließ ich mich doch durch Herrn Neumann-Hegenberg überzeugen, daß diese Bilder, die ich selbst auch rein künstlerisch zum Besten meines Schaffens rechne, dem Streben des Jakob-Böhme-Bundes so sehr entsprechen, daß sie nicht fehlen durften. Er gab ihnen den glücklichsten Gesamttitel und nannte sie, aus innerem Verstehen heraus: „Welten“.

 

Ich wüßte nicht, wie ich das Wesentliche dieser Bilder den Beschauern durch „Erklärungen“ näher bringen sollte, denn ließe sich das hier Dargestellte wortmäßig erfassen, dann würde ich es nicht in Form und Farbe gestaltet haben. –

 

Ich kann nur sagen, daß alles, was ich auf den Bildern zeige, für mein eigenes inneres Schauen so real gegeben und selbstverständlich ist, wie für mein äußeres Sehen irgend ein Gegenstand der Außenwelt, und ich fand Menschen, die das gleiche mit dem inneren Auge erschauen, und beglückt waren, hier eine künstlerische Wiedergabe zu erkennen.

 

Diese kurzen Darlegungen sollen nicht beendet werden, ohne ausdrücklich darauf hinzuweisen, daß die Endziele des Jakob-Böhme-Bundes an sich recht wenig mit dem vielmißbrauchten Schlagwort „Expressionismus“ zu tun haben. Kein intensiv Schaffender kann sich auf die Dauer den geistigen Strömungen seiner Zeit gänzlich entziehen, und persönliche Neigung mag das noch besonders betonen, aber höchstes Ziel der Glieder dieses Bundes bleibt es allein, und wie schon mehrfach betont, daß eine hohe Sakralkunst erstehe aus all den fragmentarischen Kunstbestrebungen unserer Tage, eine wesentlich deutsche Kunst, die vielleicht in den Miniaturisten alter Bilderhandschriften ihre frühesten Ahnen hat, und die würdig ist der tiefen Innenschau, aus der einst der Görlitzer Jakob Böhme seine inbrünstig frommen Gesichte schöpfte und zu Worte werden ließ.

 

Daß dieser „Philosophus teutonicus“ auch in sehr hohem Grade ein mystisch inspirierter, großer Künstler war, werden nur jene bestreiten wollen, die seine Schriften nicht kennen.– Das wesenhaft künstlerische Moment in den Lebenszeugnissen Jakob Böhmes aber ist es, dem die Künstler des nach seinem Namen bezeichneten Bundes die Berechtigung entnehmen, sich nach ihm zu nennen. – –

 

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Veröffentlicht in der Zeitung Neuer Görlitzer Anzeiger vom 5. Juni 1921

 

 Dieser Zeitungsartikel wurde mit Josef Schneiderfranken unterschrieben.

 Die in diesem Text ehemals gespreizt gedruckten Wörter wurden hier kursiv gesetzt

 

 

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