Rede zu der Gruppenausstellung des Kunstvereins im Bankettsaal der Görlitzer Stadthalle (1920)

von Joseph Schneider-Franken, Neuer Görlitzer Anzeiger vom  15. Juni 1920

Ich möchte von zwei Dingen reden: einmal von der eigentlichen Bedeutung und der Aufgabe solcher Ausstellungen, und dann von den Grundsätzen, die uns bei der Veranstaltung dieser Ausstellung Richtschnur waren. Wer zur bildenden Kunst in ein lebendiges Verhältnis kommen will, der muß wohl oder übel Gelegenheit finden, das Schaffen der Künstler, auch noch während ihres Ringen um letzte Form, kennen zu lernen. In einem Museum kann er wohl Werte aus bestimmten Kunstperioden finden, aber er sieht den Künstler erst, nachdem er sein letztes Wort gesprochen hat, nicht mehr in seinem Streben, aus dem schließlich dieses „letzte Wort” erklärbar wird. Ein Museum hat andere Aufgaben. Es will aus allen Kunstepochen, aber auch aus allen Schaffensperioden eines einzelnen Künstlers, instruktive Beispiele bringen und sie für die Dauer verwahren. Der lebende Künstler aber braucht auch während der Zeit seines Ringens den steten Konnex mit dem Publikum, sonst wird er flügellahm und verliert nur zu leicht den frischen Elan zum Weiterstreben. – Wie ein Geiger oder ein Pianist den vollen Saal braucht, um sein Bestes geben zu können, so braucht auch der bildende Künstler die Menge der Beschauer, braucht das lebendige Interesse für seine Kunst, soll sie in ihm Höchstes erreichen.

 

Diesen für beide Teilen wichtigen Konnex zwischen Künstler und Publikum herzustellen, dazu dienen die periodischen Ausstellungen und die Kunstvereine, deren erster, der Münchener Kunstverein, in drei Jahren sein hundertjähriges Jubiläum feiern kann, und seinerzeit zu dem Zweck begründet worden, solche Ausstellungen zu ermöglichen, um dadurch das Interesse an den Werken der bildenden Kunst zu pflegen. – Jahrzehntelang haben sie äußerst segensreich gewirkt, bis sie nach und nach in ihrem künstlerischen Niveau immer tiefer herabsanken und schließlich zu richtigen Asylen der Mittelmäßigkeit und der künstlerisch „Obdachlosen” wurden. Erst in neuester Zeit ist man endlich aufgewacht. Große Kunstvereine haben jetzt namhafte Kunstgelehrte zu ihrer Leitung berufen (erst kürzlich gelang es wieder dem Leipziger Kunstverein, Hanfstaengel von der Münchener Pinakothek zu gewinnen ! ) und auch in kleineren und kleinsten Städten sah man ein, daß man sich sachkundiger, sicherer Leitung vertrauen müsse, wodurch denn heute schon manche Stadt, in der noch vor gar nicht langer Zeit nicht das geringste Kunstinteresse zu spüren war. Ich hoffe, daß auch Görlitz bald zu diesen Städten gehören wird.

 

Man hat mir hier die Leitung des Kunstvereins übertragen, aber als Leiter kann man immer nur in erster Linie der „spiritus rector” sein und braucht willige, begeisterte Mitarbeiter, wenn man etwas erreichen will, Mitarbeiter, deren volles Vertrauen man genießt, und die schon aus eigener Überzeugung die gleichen Wege gehen wollen. Ich hatte die große Freude, hier sofort solche tatkräftige Mitarbeiter zu finden, und möchte da besonders unserem neuernannten Ausstellungskommissar, Herrn Neumann-Hegenberg, sowie sämtlichen Herren der Jury meinen herzlichen Dank sagen. Mit dieser Ausstellung der Werke heimischer Künstler wollten wir nun vor allen Dingen einmal zeigen, was hier in Görlitz an guter Kunst geschaffen wird, und wir sind selbst überrascht, wieviel Gutes wir doch fanden...

Natürlich konnten wir nicht alles ausstellen, wenn wir nicht auf das niedere Niveau wieder herabsinken wollten, auf dem auch dieser Kunstverein längst angelangt war. Trotzdem gingen wir in unserer Toleranz bis an die äußerste Grenze der Möglichkeit, und Sie werden ein paar Werke älteren Stils hier finden, zu deren Ausstellung wir unser künstlerischeres Gewissen nur schwer überreden konnten. Wenn wir sie dennoch ausstellten, so geschah es nur, um kein falsches Bild zu geben, um einen Übergang zu schaffen, und von dem allzu vielen zu geben, was in dieser Richtung hier leider immer noch produziert wird, wenigstens das leidlich Erträgliche noch zu zeigen. In Zukunft werden wir da weit strenger sein müssen, aber wir hoffen, daß uns mancher Einsender, den wir diesmal zurückweisen mußten, nächstes Jahr Arbeiten bringen wird, die wir mit Freuden aufnehmen können. Wir reden keiner „Richtung” ausschließlich das Wort, aber daß wir auch unseren Jüngsten freie Bahn schaffen mußten, war für uns eine Selbstverständlichkeit, um so mehr, als wir da auf drei ganz hervorragende Begabungen gestoßen sind, von denen noch weithin die Rede sein wird, wenn sie die Möglichkeit weitere Entwicklung finden. – Ich nenne nur die Namen Deckwarth, Lafeldt und Willy Schmidt! Alle drei sind noch Suchende, aber alle drei sind auch wirklich berufen, noch ganz Großes zu erreichen.

 

Ich möchte Sie auch hier wieder bitten, die neuartigen und befremdlichen Formen dieser, zum Teil völlig abstrakt „expressionistischen” Kunst, nicht mit Lachen und billigen Witzen abzutun! Ich kenne das Leben dieser jungen Künstler, ich weiß, wie sie hungern und darben, nur um ihre hohen Ziele zu erreichen! Das sind keine „Bolschewisten” der Kunst, wie das unsäglich triviale Schlagwort lautet, das sind im besten Sinn „Aufbauende”, nur suchen sie eine neue Art des Bauens, und Sie dürfen von ihrer Kunst keine Werte verlangen, die nur

in ganz andersartig gerichteten Kunstwerken zu finden sind. Sie dürfen überzeugt sein, daß in dieser Ausstellung, abgesehen von den paar Etüden älteren, aber deswegen trotzdem nicht guten Stils, denen wir mehr aus „historischen” Gründen Aufnahme gewährten, kaum ein Bild zu finden sein wird, das nicht auch in den großen Ausstellungen der eigentlichen Kunstzentren mit Ehren bestehen könnte und gerade gegen das Modernste waren wir rigoros bis zur Härte. Es ist eine Ausstellung eigener Mitbürger. Wir erinnern uns früherer und der Versuche im letzten Jahr, die zwar jedes Mal gute Einzelwerke enthielten, aber nicht ausschließlich aus ausstellungsreifen Erzeugnissen bestanden.

 

 

Neuer Görlitzer Anzeiger von Dienstag, dem 15. Juni 1920