
"Es ist nicht immer rätlich, jüngeren Künstlern allzuviel lobende Worte zu sagen. – Die meisten vertragen das nicht, und gar manches vielverprechende Talent ist auf diese Weise schon von wohlmeinenden Kritkern zuschanden gelobt worden.
Man sieht: ich bin mir gewisser Bedenken wohl bewußt, wenn ich hier auf einen jungen Künstler aufmerksam machen möchte, dessen vornehme graphische Blätter gelegentlich im Dresdener Kunstverein zu sehen waren und die jetzt der ewig junge und stets auf die Förderung junger Talente bedachte Direktor unseres Museums, Prof. Ludwig Feyerabend, in der Gedenkhalle zur Ausstellung bringt.
Es war ein gewisses Wagnis für Prof. Feyerabend, diese von der Mehrzahl der Museumsbesucher schon wohl schon als „allzumodern” empfundenen Werke in dem kleinen graphischen Kabinett des Museums vorzuführen, aber gerade für dieses Wagnis sei ihm hier öffentlich gedankt, denn es zeigt, daß man ein glühender Verrehrer aller Kunstrichtungen sein kann und dennoch der jungen Kunst unserer Tage mit offenem Auge und warm empfindenen Herzen entgegenzukommen vermag.
Was der Nürnberger Bruno Seener, dessen Familie aus Görlitz stammt, hier ausstellt, gehört unstreitig zur jungen, vorwärts weisenden Kunst, wenn es auch im großen und ganzen noch nicht zu sehr vom Hergebrachten abweicht.
Da Seener, der vom Handwerk herkommt (er war früher Lithograph, dann Dekorationsmaler), erst seit zwei Jahren in der Lage ist, sich in Dresden unter Leitung von Richard Guhr und Georg Lührig ausschließlich der freien Kunst zu widmen, so ist durch seine Arbeiten wohl mit Sicherheit zu belegen, daß von diesem Künstler in Bälde recht Bedeutendes zu erwarten sein mag, wie das ja meist der Fall zu sein pflegt, wenn ein reifer Mensch sich durch alle Hindernisse hindurch zu einem Künstlerberuf durchringt. Viele werden glauben, diesen Graphiker schon zu den „Expressionisten” rechnen zu sollen, aber damit hat's wahrlich keine Gefahr, trotzdem Seener z. B. in seinem Faustzyklus gewisse vorsichtig tastende Versuche zeigt, auch der Formenwelt der modernen seelischen Ausdruckskunst Herr zu werden.
Zurzeit liegt seine Stärke noch nicht auf diesem Gebiet. Nur instinktiv benutzt er gelegentlich solche Formelemente, ohne bereits ihre innere Gesetzmäßigkeit zu beherrschen.
Ob er sich weiter auf dieser Linie vorwagen wird, mag heute noch zweifelhaft sein, und fast möchte ich vermuten, daß für ihn der Lorbeer in ganz anderen Gärten wächst.
Was seine hier ausgestellt Blätter zeigen, insonderheit die Radierungen, die köstlichen, farbig lavierten Zeichnungen, die dem Besucher leider erst durch Umblättern der Buchrahmen ins Auge fallen, wie auch die vier der großen Köpfe an der Seitenwand, und ebenso der Faustzyklus, das alles bekundet ein meisterliches Antlitz und – nicht zuletzt – eine figurenreiche Phantasie, die mit erstaunlicher innerer Blickkraft ihre eigenen Gebilde erfaßt und der geschulten, darstellenden Hand übermittelt.
Es drängt sich die Frage auf, ob dieser hochbegabte Künstler, der so durchaus Darsteller zu sein scheint, die abstrakte Formensprache überhaupt benötigt, ob er nicht viel besser das sagen kann, was er zu sagen hat, wenn er völlig andere Wege geht und in sinnenfälliger, aus der Außenwelt extrahierter Darstellung den ihm gemäßen Ausdruck sucht?
Auch diese Art, höchsten künstlerischen Zielen nachzustreben – ich möchte sie im besten Sinne „illustrativ” nennen –, ist im Bereiche einer neuen, auf das Seelische eingestellten Kunst willkommen und kann uns herausführen aus sterilem Epigonen-Pseudokünstlertum, empor zu den reinen Firnenhöhen geistiger Erlebenismöglichkeiten im Kunstwerk.
Manches ist bei Seener noch nicht zur letzten Reife gediehen, vieles steckt noch allzusehr im rein Akademischen, und in seinem Faustzyklus gibt es noch manches störendes Mißverhältnis zwischen der Höhe der empfundenen Geistigkeit und der manchmal etwas zu „billigen” Art, das Geistige auszudrücken, aber ich zweifle keinen Augenblick daran, daß die künstlerische Energie, die hier am Werke ist, allmählich ganz zu sich selbst finden wird, daß sie, immer strenger dem eigenen Werk gegenüber, bald selbst alles ausscheiden dürfte, was sie heute noch da und dort sich „hingeben” läßt, mehr im inneren Traum befangen, als auf das sichtbar Gestaltende achtend, der Gefahr jedes phantsiebegabten Künstlerums vorerst noch mitunter erliegend.
Alles in allem aber ist diese Künstlererscheinung nur zu begrüßen, und es wird keinen Käufer später reuen, der heute schon eines der Blätter Seeners in seinen Besitz bringt, wie ich denn auch dem Faustwerk viele Käufer wünsche, denn ungeachtet dessen, was vom strengsten künstlerischen Standpunkt aus hier vielleicht noch an einzelnen Blättern nicht die letzte Reife zeigt, bildet dieses Werk doch einen grandios konzipierten Zyklus, einen Markstein in des Künstlers Werdegang, und dürfte später noch sehr gesucht sein, wenn erst alles sich voll entfaltet haben wird, was die Kunst Bruo Seeners zu geben haben wird.
Hier liegt schon zu viel an hohen positiven Werten vor, als daß man dieses Gesamturteil nicht verantworten könnte.
Im Übrigen hoffe ich, dass auch diese kleine Kollektivausstellung zahlreichen Besuch findet, und daß sie dazu beitragen möge, daß man endlich auch hier in Görlitz, wie in Jena und anderen kleineren Orten über die kleinlichen und engherzigen Kunststreitereien erhebt, daß man endlich aufhört, sich kläglich zu gebärden, wenn man entdeckt, daß die Kunst Herrscherin eines schier unermeßlichen Reiches ist, dessen noch unentdeckte Landstriche erst geistig durchwandert werden müssen, bevor man imstande ist, sie in das Gesamtgebiet dieses Reiches einordnen zu können.
In dieser Beziehung fehlt es leider bei uns hier noch sehr an der nötigen inneren Ruhe, an der Bereitschaft der Seele und an der primitiven Ehrfurcht vor allem künstlerischen Schaffen. – Wenn der Künstler, der göttlichen Stimme seines Herzens folgend, statt bequem zu erreichende Anerkennung zu erstreben, durch Dornen und Disteln schreitet, um seiner höchsten Pflicht zu genügen, wenn er nicht das darstellt, was gewisse Fremdlinge im Reich der Kunst „von der Kunst verlangen”, und es nicht so darstellt, wie es eine enge geistige Froschperspektive manchen löblichen Beurteilern als allein darstellungswürdig erscheinen läßt, dann glaubt man nur sein gutes Recht zu vertreten, wenn man ihn mehr oder weniger hämisch oder entrüstet mit aufgehobenem Zeigefinger zurechtweist, – nicht ahnend, wie sehr man sich blamiert vor allen, denen das Wesen der Kunst etwas weniger fremd von Natur aus ist. –
Möge man doch endlich auch bei uns, nachdem ein ernstes Kunstleben nun auch hier nun im Werden ist, den unsäglich törichten Wahn verlassen, als strebe jeder Künstler nur danach, dem Laien „Rätsel” aufzugeben, um ihm eine eingebildete Überlegenheit fühlen zu lassen …
Es ist im Gegenteil die Sehnsucht eines jeden von seinem Daimonion geleiteten Künstlers, von allen ohne Kommentar verstanden oder besser: erfühlt zu werden, aber in einer Zeit wie der unsrigen, die allüberall das Aufbrechen bisher verschütteter seelischer Quellströme zeigt, muß notwendigerweise das Werk der Künstler, die aus diesen Quellen schöpften, fürs erste fremdartig erscheinen, ganz gegen den Willen seiner Schöpfer, die ebenso mit ihren Mitbürgern das Leben ihrer Zeit tagtäglich mit all seiner Prosa durchkosten, wie jene anderen Künstler, die nicht von den Strömungen dieser Quellen tiefinnerlich berührt werden, und stets „allgemein verständlich” bleiben, weil sie in althergebrachten Bahnen bleiben können. -
Alles ehrliche Schaffen des Künstlers gilt doch lediglich dem Volkstum, das ihn trägt, will Aussprache des anders Unaussprechlichen der Seele seines Volkes sein, und darauf braucht der Künstler das Vertrauen der mit ihm Lebenden, das Bereitsein für das, was er finden muß und nicht anders künden kann, den Willen zur Einfühlung in die Äußerungen des Volksgeistes, die in ihm, ohne sein Verdienst, sich zum Werte kristallisieren. –
Nur auf solchem gemeinsamen Boden gedeiht wirkliche Kunst, und jeder sogenannte „Laie“, der hier unvoreingenommen sich auch in vorerst Fremdartiges einzufühlen sucht, wird zum Mitschöpfer eines Tempels geistiger Selbstoffenbarung, der späteren Geschlechtern weithin leuchten wird, nachdem erst aus seinen Fundamenten ragende Säulen erwachsen sind, die seine goldenen Kuppeln zu tragen vermögen. - - - ”
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erschienen im Neuen Görlitzer Anzeiger, 29. Mai 1921